Der Regen zieht alles mit nach unten. Die Abgase, die Hitze, die Kapuzen, manchmal die Gesichter, aber vor allem die Gedanken. Über mir will ein Stück Decke nach unten. Und auch die Tapete rollt sich Stück für Stück zu Boden. Ich sacke in die durchgelegene Matratze ein und meine Gedanken fallen unters Bett. In diesem Moment wäre Brad Pitt angebracht, um im Regen Tango zu tanzen. Ich bin kurz versucht meinen IPod auf volle Lautstärke aufzudrehen, will aber meine zwei Zimmergenossen nicht wieder aufwecken. Draußen fällt das Meer vom Himmel.
Ist ein ganzes Stück bis nach Mexiko.
Seit Montag besuchen wir die Vorlesungen an der Uni. Jetzt soll ich erzählen, wie die hier so sind. Und muss eigentlich nicht lange überlegen. Und weiss aber trotzdem nicht, wo ich anfangen soll. Denn diese Vorlesungen verwirren mich. Mehr, als dass sie Klarheit schaffen. Und anfangs war ich dankbar, einfach nichts zu verstehen. Um nicht an der Informationsflut zu ertrinken. Denn wie mit dem Regen, strömt es von allen Seiten auf uns herein. Laute Professoren, laute Studenten. Reden mit einer Geschwindigkeit, mit der es selbst dem Regen kaum aufnehmen kann. Es schwappen Wellen durch den Vorlesungssaal und jeder lässt sich davon mitreissen. Plätschert wild darauf los und macht erst Halt, wenn der Mund leer ist. Ab und zu wird Englisch gesprochen. Manchmal verstanden, aber nur selten erwidert.
So ist das mexikanische Temperament. Laut und schnell. Aber immer aufmerksam, offen und interessiert. Das persönliche Verhältnis zu den Professoren (vom Handschlag bis zur Frage nach dem letzten Wochenende), hat uns nach anfänglicher Skepsis mehr Vorteile gebracht, als erwartet. Und wir dürfen Referate und Klausuren teilweise auf Englisch bearbeiten.
Zu viele Dinge weiss man nicht zu schätzen, wenn sie so sind, wie sie immer schon waren.
Für dieses Wochenende haben wir einen Trip nach Puebla geplant. Wohl verdient nach einer anstrengenden Woche Spanisch-Intensivkurs und Vorlesungen am Nachmittag. Große Pläne wurden geschmiedet. Anfangs will immer jeder mitmischen. Aber meistens reduziert sich das große Durcheinander und am Ende bleiben nur noch ein paar Chaoten übrig. Zwei davon zu unserem Glück (und Bequemlichkeit) bestens vorbereitet.
Für 30 Cent kann man quer durch das Ubahnsystem hoppen. Für 2,50 Euro bekommt man zwei Stunden Busfahrt in eine andere Stadt. Für 5 Euro. Löcher in der Decke. Wir werfen unsere Taschen in das heruntergekommene Hostelzimmer und erkunden die Stadt.
Puebla ist. Quadratisch. Die Spanier hatten wohl nicht viel für Kreise übrig. Wir besichtigen die Kathedrale, wundern uns über die vielen Schreibwarenläden, die mit lauter Popmusik und ebenso lauten Frauen um Kunden werben, besuchen das Museo Amparo und finden uns wieder in einer Bar am Zócala der Stadt. Auf dem Tisch Pina Coladas und eine Tüte Pueblas bekannter Süßigkeiten. Später stoßen Anja und Luis (sie auch von Fh-Köln, er ehemaliger Austauschstudent und Mexikaner) zu uns. Der Abend endet nach einem All you can eat-Buffet in einer typisch touristischen Bar, in die man mit kleinen Scheinen und großen Eimern gelockt wird. Warum sich dann nachher dort ein Polizist auf der Bühnen ausgezogen hat, hab ich bis heute noch nicht verstanden. Hat wohl was mit der Zielgruppe zu tun.
Wessen Herz voll dessen Mund läuft über.
Dann ich. Für mich. Liege im Bett. Hab den ganzen Tag geredet. Und bin glücklich mit dem Regen, der draußen im Innenhof den Schmutz wegspült. Aber freue mich, wenn ich am nächsten Morgen wieder Worte verlieren kann.
Morgen ist, wenn man aufsteht.
Aber nicht, wenn die Spülung nicht geht. Es gibt keinen Strom. Der Regen kam leider nicht bis in die Badezimmer. Schnell raus hier.
Weiter nach Cholula, auf die Pirámide Tepanapa, die von den Spaniern irrtümlicherweise für einen Hügel gehalten wurde. Jetzt steht eine Kirche auf der Spitze. Auf dem Weg dorthin kann man alles kaufen, was dick - und glücklich macht. Ab nach hause. Noch nicht dick, aber glücklich.
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